Archiv für die Kategorie: Schreibgründe

Eigentlich erstaunlich. So viele Menschen setzen sich hin und schreiben. Weshalb nur? Was bringt das Schreiben? Was bewirkt es? Da ist einmal das sinnliche Moment, wenn ich mit der Füllfeder übers Blatt fahre, Wort an Wort und Satz an Satz reihe. Wenn ich mit dem Computer schreibe, das unmittelbare Entstehen von Sätzen; Buchstaben, die sich vor mir aufreihen, zu Wörtern und Sätzen werden. In beiden Fällen handelt es sich um etwas Fliessendes. Ich bringe durch Schreiben etwas in Bewegung. Offenbar auch im Kopf. Wenn ich schreibe, dann stellen sich die Gedanken wie automatisch ein, etwas ist im Entstehen begriffen. Dieses Dynamische, die Bewegung und das Entstehen von Neuem empfinden wir als angenehm. Es entspricht dem, was das Gehirn offenbar braucht: einen Input, um selber in einen Zustand der Dynamik zu gelangen.

Durch Schreiben beeinflussen wir unsere Wahrnehmung: wir nehmen genauer wahr. Unsere Sinne sind geschärft. Wenn ich erzähle, was ich erlebt habe, dann verknüpfe ich die sinnlichen Wahrnehmungen mit Sprache. Offenbar hilft mir dies, Ereignisse zu verstehen, mir sie nochmals zu vergegenwärtigen. Wir schaffen durch das Schreiben/Erzählen eine Struktur, wir ordnen die Ereignisse. Man spricht hier auch von verarbeiten. Viele Menschen schreiben Tagebuch, bei Schriftstellern ist es selbstverständlich. Als wärs ein Grundbedürfnis aufzuschreiben, was ist - zu ordnen, zu verarbeiten, sich zu vergewissern, zu klären, festzuhalten.

Ich schreibe, also bin ich, könnte man sagen. Dieses Strukturieren und Ordnen, das Verstehen ist das eine. Das andere: Offenbar ist es für viele ebenfalls ein Grundbedürfnis, etwas zu schaffen. Wir zeichnen, malen, basteln, bauen ein Haus, erfinden kluge Technik, schaffen eine Skulptur, spielen Theater oder eben: wir schreiben. Wir schaffen ein Ding, das ausserhalb von uns liegt. Was in uns ist, findet Ausdruck. Was steckt hinter diesem Bedürfnis? Ist es ebenfalls das Verstehen? Geht es einfach darum, es festzuhalten, damit uns der Augenblick nicht entschwindet, damit wir ihn betrachten können? Oder werden wir uns uns bewusst, indem wir etwas schaffen? Ich schreibe, also bin ich.

Wenn wir uns erinnern und autobiografisch schreiben, dann durchleben wir eine Zeit und Ereignisse nochmals. Als wollten wir diese Zeit festhalten, sie nicht verlieren. Darum geht es, glaube ich, in der «Suche nach der verlorenen Zeit». Nun wissen wir, dass Erinnerungen sich laufend verändern. Je weiter sie zurückliegen, desto ungenauer sind sie. Das hat, fürs Schreiben, einen Vorteil, wenn wir ihn nutzen. Wir gestalten unsere Erinnerung. Wir konstruieren im Erzählen unsere erlebte Welt neu. Das vermittelt uns den Eindruck von Freiheit. Ich bin nicht nur Schauspieler in meinem Leben, der eine vorgegebene Rolle spielt, sondern auch Autor oder Regisseur. Und hier wirds spannend: Wenn wir beim autobiografischen Schreiben unsere Erinnerungen bewusst gestalten, sie verändern, ihnen eine Struktur verleihen. Als könnten wir sie besser «ad acta» legen, wenn wir sie mit eigener Struktur niederschreiben. Wir erfinden uns sozusagen neu.

Ich kann beim Aufschreiben von Ereignissen ganz nahe bei meiner Wahrnehmung sein - einmal abgesehen davon, wie unterschiedlich diese Wahrnehmung je nach Befindlichkeit ist. Ich kann aber auch bewusst mit meinen Erinnerungen, Erfahrungen und Wahrnehmungen spielen. Ich kann mir dieses Spiel erleichtern, indem ich mit Figuren arbeite, im Präsens oder in der Vergangenheit erzähle. Das alles gibt Distanz und Gestaltungsfreiheit. Wenn ich nicht über mich schreibe, sondern über eine Figur, dann bin ich freier. Wenn ich auch das «Erzähler-Ich» als eine solche Figur erlebe, dann bin ich auch beim Schreiben in der Ich-Form frei.

Nochmals: es geht ums Verstehen, ums erneute Durchleben und um das Gestalten. Und um den Eindruck des Fliessens, der sich beim Schreiben einstellt. Dies sind wohl Gründe, weshalb wir schreiben.

Es gibt viele Gründe, weshalb ich schreibe. Einer ist: Ich komme zur Ruhe. Wenn ich tausend Dinge tue, vielem nachrenne, zuviel will und alles gleichzeitig, durch die Welten zappe, bis es flimmert und ich dann doch nichts Rechtes zustande bringe, dann ist schreiben ein gutes Mittel - um eben zur Ruhe zu kommen. Wer schreibt, ist konzentriert, fokussiert eine Sache und erzählt eines nach dem anderen. Schreiben heisst linearisieren. Man bringt die Gedanken auf eine Linie. Was wolkig, diffus in einem ist, wird mit Sätzen zu Papier gebracht - und eben eines nach dem anderen. Ich bin konzentriert, bin ganz bei der einen Sache, bei dem einen Gedanken, nicht mehr abgelenkt, und das vermittelt ein gutes Gefühl. Mit der Sache eins sein, darum geht es, man kann es eine Art Flow nennen. Natürlich funktioniert das nicht nur mit dem Schreiben. Andere töpfern, malen, spielen Musik oder was auch immer. Die Wirkung ist die gleiche.

Was schreiben? Es spielt keine Rolle. Naheliegend ist, was einen beschäftigt. Tagebuch also. Oder eine Beobachtung niederschreiben, erzählen, was man erlebt hat, eine Begegnung beschreiben oder ganz einfach: wie man sich gerade fühlt. Wichtig ist, dass man beginnt, das Banale nicht fürchtet und sich vom eigenen Schreiben überraschen lässt. Dass man, ist einmal ein Thema gefunden, nahe dran bleibt, in kleinen Schritten erzählt, nahe an der Sache, nahe am Gefühl. Das gelingt nicht immer, die Schere im Kopf machts manchmal schwierig. Das will ich doch nicht sagen, also sag ichs nicht. So hab ichs nicht gemeint. Aber wie denn? Was will ich denn sagen? Weiss nicht. Undsoweiter, keine Zeile geschrieben und enttäuscht. Es ist Übungssache: Oftmals weiss ich nicht, was ich schreiben will, aber ich beginne einfach mit einem ersten Satz. Ich vertraue mich dem Einfall an und schreibe auf, was mir in den Sinn kommt. Nicht, was ich denke, denn da ist oft nichts, sondern ich schreibe einfach und sehe dann, was ich gedacht habe. Kompliziert?