Archiv für die Kategorie: Reportage

Die Studierenden an der Schule für Angewandte Linguistik hatten die Aufgabe, ein Stimmungsbild des Hauptbahnhofes zu verfassen. Sie hielten sich dort während einer Stunde auf und schrieben einen Text über ihre Wahrnehmungen. Eine Eintiegs-Übung zum Thema Reportage.

In der Übung sind ganz unterschiedliche Texte entstanden – Texte, die sich auf einen Schauplatz konzentrierten oder mehrere Schauplätze beschrieben. Unterschiedlich waren auch die Auftritte der «Hauptdarsteller». Es sind Gruppen aufgetaucht, einzelne Personen und Paare. Und ebenso verschieden waren die Sinneswahrnehmungen, die im Vordergrund standen. In einzelnen Texten sah man vor allem, in anderen hörten wir, dritte bedienten unseren Geruchssinn.
(Die Stimmungsbilder sind noch keine Reportagen. Doch in der Art, wie die Studierenden hier schrieben, werden sie auch in Reportagen schreiben: sinnlich, bildlich, anschaulich)

Im Folgenden einige Anmerkungen zur Wahrnehmung eines Ortes und zur Umsetzung im Text. Wie beschreiben wir etwas, was wir wahrgenommen haben (sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen)? Wie wählen wir aus den vielen Eindrücken aus? Welche Eigenschaften einer Person beschreiben wir? (Paper für die Studierenden)

Die Eindrücke sind viele. Was wählen wir für unseren Text aus? Welche Personen treten auf? Wie beschreiben wir die Personen? Wir wählen zwangsläufig aus. Von den Hunderten von Personen, die wir sehen, entscheiden wir uns für ein paar wenige. Wir beschreiben eine Frau, die über den Platz geht und einen Koffer zieht. Wir zeigen, wie eine Gruppe von Kindern beim Treff wartet. In einem Café beschreiben wir nur wenige Gäste, einen Mann zum Beispiel, der ein Bier trinkt, und eine ältere Frau, die eine Crèmeschnitte verzehrt. Wichtig ist, dass wir im Rohtext nicht allzu lange überlegen, wen wir beschreiben. Wenn wir beobachten, dann fallen uns einzelne Menschen und Begebenheiten mehr auf als andere. Weshalb das so ist, können wir meist nicht sagen. Vielleicht tragen die Menschen ein besonderes Kleidungsstück, vielleicht sticht uns die Farbe eines Schals ins Auge, oder wir erinnern uns beim Schreiben an die Bewegungen einer Person. Es sind einzelne Bilder, Szenen und Personen, die beim Verfassen des Textes wieder auftauchen. Wir pflücken einige «Hauptdarsteller» aus der Menge heraus und beschreiben sie. Sie stehen stellvertretend für das Ganze; wir können in unserem Text nicht wie auf einer Fotografie alle abbilden.

Wir fokussieren auf einen Schauplatz. Wir können uns auf einen Ort beschränken. Wir sind gleichsam eine fest montierte Kamera, die sich höchstens um die eigene Achse dreht. Das Blickfeld und der Ort, den wir beschreiben, sind gegeben.

Wir wechseln den Schauplatz. Kann sein, dass wir uns auch bewegen, dass wir eine kleine Reise unternehmen und von einem Ort zum anderen wandern, so dass die Schauplätze wechseln. Wenn wir in der Ich-Form schreiben, können wir den Ortswechsel sprachlich einfach markieren, zum Beispiel: «Ich steige in den Lift und fahre in das obere Geschoss.» Durch einen solchen Schauplatzwechsel verändert sich auch die Perspektive. Plötzlich sehe ich den Ort von einem anderen Blickwinkel aus. Was ich vorher von nahe beschrieben habe, ist nun in grössere Distanz gerückt.
Wenn wir nicht in der Ich-Form schreiben, realisieren wir den Ortswechsel durch einen «harten Schnitt». Wir können Übergänge aber auch inszenieren. Wir beschreiben zum Beispiel eine Person, die von einem Ort zum anderen geht.

Totale und Zoom. Ich kann einen Ort, eine Szene in einer Totalen beschreiben, ich habe dadurch die Übersicht. Ich kann aber auch zoomen, zum Beispiel das sich reflektierende Licht in einem Glas ins Visier nehmen, die Brosamen auf dem Tisch, die zerknitterte Serviette. Dies bedingt, dass ich genau beobachte und für die Details die richtigen Worte finde.

Ich sehe, höre, rieche. Die Sinne bedienen. Schreiben für eine Reportage heisst auch: die Sinne bedienen. Der Leser, die Leserin soll meine Wahrnehmungen teilen. Ich sehe also nicht nur die Menschen in der Bahnhofshalle, sondern ich höre Stimmen, Dialoge, die Durchsagen im Lautsprecher, Musik. Oder ich rieche, nehme die vielen Gerüche zum Beispiel auf dem Markt wahr.

Wie verbinde ich im Text meine Wahrnehmungen? Indem ich in den Text eintauche. Ich sollte, wenn ich den Text schreibe, nochmals in das Erlebte eintauchen, die Bilder, Gerüche, Stimmen, alle Eindrücke, nochmals an mir vorbeiziehen lassen. Dies kann man kaum steuern. Ich beginne mit einer Wahrnehmung und schreibe nun, was kommt. Ich vertraue dem Einfall. Ich darf hier nicht zu lange überlegen, welche Reihenfolge sinnvoll ist. Wenn ich beobachte, etwas erlebe, dann steuere ich ja auch nicht, was ich höre oder sehe. Ich höre es einfach und ich sehe es einfach. Das Gleiche geschieht beim Schreiben. Die Eindrücke werden wieder abgerufen, sie haben gewissermassen ein Eigenleben – und dadurch eine «natürliche Ordnung». Die Erfahrung zeigt, dass Texte, die in dieser Weise geschrieben sind, starke Bilder erzeugen und lebendig wirken. Wenn ich beim Schreiben in eine Art Flow gerate, dann verweben sich die Eindrücke in natürlicher Weise, sie wechseln sich ab, es entsteht Rhythmus. Wenn ich relativ schnell schreibe, dann ist das Erlebte durch das Erzählen meist schlüssig miteinander verbunden. Das heisst nicht, dass ich später am Text nicht feile: kürzen und umstellen gehört zur Überarbeitung. Beim Schreiben des Rohtextes haben korrigierende Eingriffe aber nichts zu suchen.

Wie ausführlich schreibe ich? Ausführlich und in grossen Linien. Beides. Wenn ich zu ausführlich bin, kann es sein, dass mein Text Längen hat. Wenn ich zu lange bei einer Szene verbleibe, dann kann der Leser abhängen. Oft genügen «ein paar Striche» wie bei eine Skizze. Wenn die wenigen Sätzen sitzen, haben wir das Bild. Dennoch ist ein Verweilen bei einer Szene möglich, ein detailliertes «Protokollieren». Auch hier ist der Rhythmus des Wechsels wichtig. Kurze Striche und ausführlicheres Beschreiben. Erfahrungsgemäss ist man gerne zu lang, man erliegt dem Vollständigkeitswahn. Meist genügen wenige Sätze, um beim Leser, bei der Leserin ein Bild hervorzurufen. Die Kunst des Auslassens. Was ich nicht sage, ergänzt der Leser, die Leserin. Sie brauchen meist weniger als angenommen.

Ich sage nicht, wie es ist, sondern ich zeige es. Der Leser und die Leserin machen sich ein Bild. Kommentare und wertende Passagen haben hier nichts zu suchen. Ich protokolliere/beschreibe, zeige einfach, was ich wahrgenommen habe. Der Leser urteilt dann selber. Und doch kommentiere ich in gewisser Weise: nämlich durch die Auswahl der Szenen, durch die Art, wie ich beschreibe, durch die Tonalität und die Verbindungen meiner Wahrnehmungen.

Ich «protokolliere» genau, ich beschreibe, ich erzähle. Und ich ziehe Schlüsse. Bei der Übung haben wir gesehen, dass sich neben den Beobachtungen auch Gedanken in den Text geschlichen haben. Plötzlich wird eine Szene leise kommentiert, wird der Beschreibung ein eigener Gedanke nachgeliefert, kein ausführliches Reflektieren, einfach ein kurzer Gedankensplitter, eine «Denkwahrnehmung». Das darf sein. Die gelungene Reportage zeichnet sich dadurch aus, dass sie neben den recherchierten Informationen und dem atmosphärischen Schreiben auch solche kurzen Gedanken zulässt, Sätze die eine Wahrnehmung verstärken oder in ein anderes Licht rücken, Sätze, die Weiteres anklingen lassen. Doch ist es ein heikles Unterfangen, ich darf nicht erklären, was ich gesehen habe. Oft sind es Gedanken, die etwas auf den Punkt bringen und/oder eben etwas anklingen lassen. Auch hier können solche schlüssigen Gedanken kaum geplant werden, sie ergeben sich durch das Schreiben.