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Zum Seminar «Schreiben über Menschen» – Anmerkung: Wie wir lesen. Sich vom Text mittragen lassen und gleichzeitig Distanz bewahren. Zur Diskussion der letzten Sitzung.

Das letzte Mal haben wir darüber gesprochen, wie wir einen Text lesen und beurteilen. Bei gewissen Artikeln laufen wir Gefahr, wenn sie uns überhaupt nicht zusagen, dass wir abhängen, das heisst, nur noch ungenau lesen. Die Meinung ist nach wenigen Zeilen gemacht. Wenn wir so an Texte herangehen, nehmen wir uns aber die Urteilsfähigkeit. Wir können dann nicht wirklich etwas über einen Text aussagen. Wir haben uns geärgert, die negativen Gefühle bestimmen die Lesart.
Beim professionellen Lesen sollte das nicht sein. Ich darf mich zwar bei der Lektüre bis zu einem gewissen Grad tragen lassen. Das zeichnet ja gute Texte unter anderem aus: dass sie uns auch emotional ansprechen. Sie ziehen uns in Bann. Bei gelungenen Artikeln ist das meist kein Problem, weil wir «im Text sind». Wir müssen uns nicht anstrengen und können nach der Lektüre genau sagen, worum es geht.
Wenn wir Texte professionell betrachten, sie also analysieren, schauen, wie sie gestaltet sind, dann dürfen wir uns nicht wegtragen lassen – vor allem bei misslungenen Texten. Wir sollten sie gleichsam aus einem zweiten Blickwinkel betrachten. Ich freue mich oder ärgere mich über einen Text, aber ich bleibe immer wach, bin bei der Lektüre aufmerksam bis zum Schluss. Wenn ich mich über eine Passage ärgere, nehme ich das zwar zu Kenntnis, doch lege ich das gleich weg, damit mir der Blick nicht verstellt ist. Denn ich will ja sehen, wie der Artikel handwerklich zustande gekommen ist, wie er funktioniert oder weshalb er nicht funktioniert. Ich bin bei allen Emotionen immer imstande, den Text aufzuschlüsseln: Wie ist der Aufbau? Wie ist die Wortwahl? Sind die wichtigsten Inhalte wiedergegeben? Was fehlt? Wie tauchen Personen auf? Ist das sprachliche Register dem Thema angemessen? Ist der Text schlüssig und stimmig? Sind Zitate motiviert? Gibt es Längen? Wie ist der Rhythmus? Ist der Text redundant oder zu prägnant? Was spricht mich weshalb an? Wo packt der Text einen? Was genau macht es aus? Und so weiter. Eine solche Analyse ist nur bei klarem Blick möglich.
Man kann diese Haltung einüben. Ich darf einen Text durchaus misslungen finden, kann das auch äussern – und begründen! Aber ich lese bewusst mit offener Haltung bis zum Schluss. Mit der Zeit ist mir der «trennende Blick» vertraut: Ich sehe schnell, wie ich gefühlsmässig auf einen Artikel reagiere und bin gleichzeitig in der Lage, ihn zu analysieren.
Diese Haltung kommt übrigens – bei positiven Gefühlen – auch zum Tragen bei kitschigen Filmen, die uns anrühren. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich bei Filmen mitgehe und sie mir gefallen, obwohl ich gleichzeitig erkenne, dass sie nicht sehr anspruchsvoll, banal oder kitschig sind und bei der Kritik durchfallen. Beides ist möglich: emotional mitgehen und erkennen. Das eine schliesst das andere nicht aus.
Schliesslich: Ich habe mir angewöhnt, mich jeweils zu fragen, weshalb ich auf einen Text allenfalls stark emotional reagiere, ihn etwa ablehne. Liegt es nur am Text, am schlechten Handwerk, an der saloppen Schreibe, oder hat es auch mit mir, mit meiner Geschichte zu tun (natürlich hat es das immer)? Indem ich mir hier Rechenschaft ablege und versuche auch diesen Aspekt zu klären, schaffe ich Distanz. Dies wiederum fördert den klaren Blick.

Zum Seminar «Über Menschen schreiben» an der Schule für Angewandte Linguistik. Wir haben in einer Reportage von Bänz Friedli unter anderem geschaut, wie Personen im Text in Erscheinung treten.

Wie Personen in einem Text in Erscheinung treten – Anmerkungen zur Reportage von Bänz Friedli («Jägerin in der verlorenen Stadt»)

Zitate. Die Person wird zitiert. Längere und kürzere Zitate. Mit oder ohne redeeinführendes Verb. Redeeinführendes Verb vor dem Zitat oder danach. Zitate sind authentisch und der Rede nachempfunden. Im Text von Friedli finden wir viele Zitate. Die Wirkung ist Unmittelbarkeit. Wir sind nahe am Geschehen, «hören» die Protagonistin.
Indirekte Rede. Wenn möglich mit direkter Rede abwechseln. Längere indirekte Rede wirkt schwerfällig.
Interviewstory. Zwischendurch längere Interviewpassagen (Frage/Antwort). Dies erlaubt Nähe und Unmittelbarkeit. Zudem wird der Textrhythmus gebrochen. Als Textsorte eher selten; vor allem das Magazin publiziert solche Mischformen.

Handlung. Wir lassen die Personen handeln, zeigen sie, wie sie etwas verrichten (zum Beispiel im Einstieg in Friedlis Text, das Morgenritual von Mandara). Hier ist es wichtig, dass wir genau recherchieren, genau wahrnehmen oder – falls nicht vor Ort – uns die Handlung genau schildern lassen.
Ambiente beschreiben. Die Person wird indirekt auch durch das Ambiente, in dem sie sich aufhält, beschrieben bzw. charakterisiert. Genau beobachten (vgl. Beschreibung des Büros der Kommissarin).
Bewegung. Die Person bewegt sich, geht von A nach B. Wir zeigen, wie sie geht und was sie wahrnimmt.
Beschreibung der Kleider. Die auffallendsten Kleider beschreiben, meist nur ein bis drei Kleidungsstücke. «Trägt ihre Dieseljeans modisch auf Hüfthöhe, dazu eine weisse Bluse unterm violetten Strickgilet.»
Kommentierende Beschreibung der Person (zurückhaltend verwenden). Wir beschreiben einen Menschen mit Adjektiven, bringen unseren Eindruck, unsere Wahrnehmung auf den Punkt. «Eine herbe Schöne, diese Kommissarin, etwas zu braun gebrannt für die Jahreszeit, etwas zu blond an den Haarspitzen.»
Beschreibung des Sprechens. Wir versuchen zu beschreiben, wie jemand spricht. Wir geben im Text also nicht nur wieder, was wir sehen, sondern auch, was wir hören. «Mandara spricht Neapolitanisch, einen weich rollenden Singsang, der jedes T zum D, jedes P zum B abfedert und in dem jeder noch so scharfe Satz gemächlich klingt.»

Kurs an der Schule für Angewandte Linguistik – Frühling 08

Im Seminar «Über Menschen schreiben» geht es darum, wie wir über Personen schreiben, wie sie in Texten erscheinen.

Wir haben uns mit der Textsorte «Ein Tag im Leben von» (Magazin) beschäftigt. Text analysiert und eigene Texte geschrieben. Im Folgenden ein paar Anmerkungen zur Textsorte.

Anmerkungen zu den Texten «Ein Tag im Leben von»

Ich schreibe in der Ich-Form. Eine spezielle Textsorte. Ich achte darauf, dass ich die Tonalität der Äusserungen des Interviewten wiedergebe, wie er es gesagt hat. Ich muss den gesprochenen Text immer übersetzen: von der Mundart in die Schriftsprache. Zudem eliminiere ich Redundanz.

Ich nehme die Perspektive des Erzählenden ein. Beim Schreiben tauche ich gleichsam in den Erzähler ein. Ich bin im Text die Erzählerin. Das hilft mir, den richtigen Ton, die passenden Worte zu finden.

Ich kürze, bringe die Rede auf den Punkt. Was mir mein Gegenüber erzählt hat, das ist zu viel Text. Ich erzähle daher direkt, komme schnell auf den Punkt. Umständliches lasse ich weg. Wichtig ist meist, woran ich mich ohne Notizen erinnere.

Der Text wird überarbeitet. Es ist hilfreich, wenn ich bei der ersten Niederschrift relativ schnell erzähle. So gelingt es mir einfacher, in den Diskurs zu kommen, mich in die Person einzufühlen. Danach überarbeite ich den Text. Lautes Lesen hilft dabei.

Die Sprache ist der Rede nachempfunden. Helvetismen sind erlaubt. Ich bin nahe an der gesprochenen Sprache.

Die Ich-Perspektive erlaubt keinen Aussenblick. Ich kann nicht über die Person schreiben, sondern ich lasse die Person über sich erzählen. Das bedeutet, dass ich immer aus dem Blickwinkel der Erzählerin schreibe. Ihren Blick kann ich steuern mit gezielten Fragen. Beispiel: Ich darf eigentlich die Kleider eines Menschen nicht beschreiben, sondern die Person muss etwas über die eigenen Kleider sagen. Folglich muss ich danach fragen.

Mit Fragen steuere ich den Text. Viele porträtierte Menschen erzählen von sich aus das Wichtigste zum Beispiel über den Beruf. Dennoch sind meist gezielte Fragen sehr entscheidend, damit ich eine Person zu gewünschten Themen bringe. Eine gute Vorbereitung lohnt sich daher.

Mit Fragen strukturiere ich den Text und sie dürfen auch explizit im Artikel erscheinen. Die wichtigsten drei, vier Fragen strukturieren den Text. Wie ist der Tagesablauf? Was macht er? Was bedeutet ihm...? Wie ist er dazu gekommen? (zum Beispiel). Explizite Frage im Text: «Weshalb ich immer schwarz trage?...» In der Weise, aber Achtung, nicht zu häufig anwenden.

Ein Tag im Leben von. Meistens handelt es sich bei dem Text nicht wirklich um einen Tagesablauf. Die Textsorte ist Anlass/Rubrik. Dennoch erscheint in den Texten der Tagesablauf und von ihm ausgehend erfahren wir einiges über die Person, über ihre Geschichte, über ihre Leidenschaften und Laster. Variante 1: Text mit Tagesbeginn anfangen, in der Mitte den Mittag beschreiben, am Schluss den Abend. Also die Chronologie einhalten und von den einzelnen Tageszeiten/-tätigkeiten auf die Themen schwenken. Variante 2: irgendwann im Text auf die Tageszeiten zu sprechen kommen. Wenigstens einmal sollten wir den Tagesablauf ansprechen, damit wir das Porträt mit dem Gefäss (ein Tag im Leben von) verbinden.

Die guten Fragen, Präsenz und Interesse. Einen überzeugenden Text schreiben wir unter anderem, wenn wir die guten Fragen stellen, wenn wir nachforschen, weshalb jemand etwas tut, warum dies oder das gefällt, wenn wir das Handeln einer Person hinterfragen, die Bedeutung eines Vorgehens erforschen – das heisst, wenn wir echtes Interesse zeigen. Das Gegenüber spürt dieses Interesse und erzählt, denkt, angeleitet durch unsere Fragen, über sich nach und berichtet vielleicht Überraschendes. Wenn das Gespräch lebt, lebt später auch der Text – wenn wir ihn gut schreiben. Und: Wir halten uns beim Interview/Gespräch nicht sklavisch an unsere Fragen, sondern lassen das Gespräch laufen. Wenn wir aktiv zuhören und wirklich präsent sind, dann stellen wir im richtigen Moment die richtigen Fragen.