Letzte Woche sind in der Schreibwerkstatt an der Hochschule für Angewandte Psychologie unter anderem zwei Fragen aufgetaucht. Wir sprachen über das Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit, einer ersten Seminararbeit. Die Studierenden wollten wissen:

Erstens: Wie vermeiden wir es, dass wir bei der Verarbeitung von Literatur nicht nur abschreiben, zusammenfassen und zitieren? Was schreiben eigentlich wir? Was stammt von uns?

Zweitens: Wann beginnen wir mit Schreiben? Viele Studierende machen die Erfahrung, dass sie zwar viel lesen, aber kaum schreiben – jedenfalls über längere Zeit kaum schreiben. Was also mit dem Gelesenen anfangen?

Zur ersten Frage. Die Antwort lautet: Mut zum eigenen Text! Natürlich geht es in einer ersten wissenschaftlichen Arbeit auch darum zu lernen, wie man mit wissenschaftlichen Quellen umgeht, wie man Literatur in einem eigenen Text verarbeitet, wie man exzerpiert, zitiert und die Quellen zueinander in Beziehung setzt – eben um das wissenschaftliche Handwerk. Aber die Arbeit soll auch zeigen, wie jemand eine Fragestellung bearbeitet, wie er oder sie denkt, wie man aufgrund von Literatur zu eigenen Schlüssen kommt. Wissenschaftlich schreiben heisst hier: das eigenen Denken vorführen, es in Beziehung setzen zum Gelesenen, schlüssig argumentieren, und zwar in einer Weise, die andere nachvollziehen können. Hierfür braucht es den eigenen Text. Natürlich stellt sich Routine erst später ein, wenn man mehrere Arbeiten geschrieben hat. Argumentationsmuster, das Zitieren und in Beziehung-Setzen werden erst mit der Zeit zur Gewohnheit. Fehler sind bei ersten Arbeiten erlaubt.

Wer erstens schreibt, also den Mut zum eigenen Text aufbringt, entdeckt etwas Zweites: nämlich, dass schreibend denken Spass macht, spannend ist – die beste Voraussetzung, um nach einer Anfangsarbeit eine zweite in Angriff zu nehmen. Mit Lust.

Zur zweiten Frage: Wann schreiben? Antwort: Möglichst bald. Wer nicht nur liest, sondern das Gelesene gleichzeitig verarbeitet, ein Logbuch oder ein Journal führt, Anmerkungen und eigene Gedanken niederschreibt, der verarbeitet das Gelesene, reichert es mit eigenem Denken an, treibt einen Diskurs voran und vor allem: verinnerlicht Gelesenes. Diese ersten Texte sind noch nicht die Seminararbeit, wir können diese Texte nicht unmittelbar verwenden. Aber indem wir während des Lesens schreiben, fällt es uns später leichter die Arbeit zu verfassen, weil wir auf Gedachtes, auf Zusammenhänge, auf überraschende Ideen und spannende Bezüge zurückgreifen können. Zu viele Studierende lesen einfach, bearbeiten mit dem Leuchtstift ein Buch nach dem anderen – und vergessen. Schade. Viel Leuchtstift gebraucht und so klug als wie zuvor.

Keine Kommentare möglich.