Kurs an der Schule für Angewandte Linguistik – Frühling 08

Im Seminar «Über Menschen schreiben» geht es darum, wie wir über Personen schreiben, wie sie in Texten erscheinen.

Wir haben uns mit der Textsorte «Ein Tag im Leben von» (Magazin) beschäftigt. Text analysiert und eigene Texte geschrieben. Im Folgenden ein paar Anmerkungen zur Textsorte.

Anmerkungen zu den Texten «Ein Tag im Leben von»

Ich schreibe in der Ich-Form. Eine spezielle Textsorte. Ich achte darauf, dass ich die Tonalität der Äusserungen des Interviewten wiedergebe, wie er es gesagt hat. Ich muss den gesprochenen Text immer übersetzen: von der Mundart in die Schriftsprache. Zudem eliminiere ich Redundanz.

Ich nehme die Perspektive des Erzählenden ein. Beim Schreiben tauche ich gleichsam in den Erzähler ein. Ich bin im Text die Erzählerin. Das hilft mir, den richtigen Ton, die passenden Worte zu finden.

Ich kürze, bringe die Rede auf den Punkt. Was mir mein Gegenüber erzählt hat, das ist zu viel Text. Ich erzähle daher direkt, komme schnell auf den Punkt. Umständliches lasse ich weg. Wichtig ist meist, woran ich mich ohne Notizen erinnere.

Der Text wird überarbeitet. Es ist hilfreich, wenn ich bei der ersten Niederschrift relativ schnell erzähle. So gelingt es mir einfacher, in den Diskurs zu kommen, mich in die Person einzufühlen. Danach überarbeite ich den Text. Lautes Lesen hilft dabei.

Die Sprache ist der Rede nachempfunden. Helvetismen sind erlaubt. Ich bin nahe an der gesprochenen Sprache.

Die Ich-Perspektive erlaubt keinen Aussenblick. Ich kann nicht über die Person schreiben, sondern ich lasse die Person über sich erzählen. Das bedeutet, dass ich immer aus dem Blickwinkel der Erzählerin schreibe. Ihren Blick kann ich steuern mit gezielten Fragen. Beispiel: Ich darf eigentlich die Kleider eines Menschen nicht beschreiben, sondern die Person muss etwas über die eigenen Kleider sagen. Folglich muss ich danach fragen.

Mit Fragen steuere ich den Text. Viele porträtierte Menschen erzählen von sich aus das Wichtigste zum Beispiel über den Beruf. Dennoch sind meist gezielte Fragen sehr entscheidend, damit ich eine Person zu gewünschten Themen bringe. Eine gute Vorbereitung lohnt sich daher.

Mit Fragen strukturiere ich den Text und sie dürfen auch explizit im Artikel erscheinen. Die wichtigsten drei, vier Fragen strukturieren den Text. Wie ist der Tagesablauf? Was macht er? Was bedeutet ihm...? Wie ist er dazu gekommen? (zum Beispiel). Explizite Frage im Text: «Weshalb ich immer schwarz trage?...» In der Weise, aber Achtung, nicht zu häufig anwenden.

Ein Tag im Leben von. Meistens handelt es sich bei dem Text nicht wirklich um einen Tagesablauf. Die Textsorte ist Anlass/Rubrik. Dennoch erscheint in den Texten der Tagesablauf und von ihm ausgehend erfahren wir einiges über die Person, über ihre Geschichte, über ihre Leidenschaften und Laster. Variante 1: Text mit Tagesbeginn anfangen, in der Mitte den Mittag beschreiben, am Schluss den Abend. Also die Chronologie einhalten und von den einzelnen Tageszeiten/-tätigkeiten auf die Themen schwenken. Variante 2: irgendwann im Text auf die Tageszeiten zu sprechen kommen. Wenigstens einmal sollten wir den Tagesablauf ansprechen, damit wir das Porträt mit dem Gefäss (ein Tag im Leben von) verbinden.

Die guten Fragen, Präsenz und Interesse. Einen überzeugenden Text schreiben wir unter anderem, wenn wir die guten Fragen stellen, wenn wir nachforschen, weshalb jemand etwas tut, warum dies oder das gefällt, wenn wir das Handeln einer Person hinterfragen, die Bedeutung eines Vorgehens erforschen – das heisst, wenn wir echtes Interesse zeigen. Das Gegenüber spürt dieses Interesse und erzählt, denkt, angeleitet durch unsere Fragen, über sich nach und berichtet vielleicht Überraschendes. Wenn das Gespräch lebt, lebt später auch der Text – wenn wir ihn gut schreiben. Und: Wir halten uns beim Interview/Gespräch nicht sklavisch an unsere Fragen, sondern lassen das Gespräch laufen. Wenn wir aktiv zuhören und wirklich präsent sind, dann stellen wir im richtigen Moment die richtigen Fragen.

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