Schreiben über Menschen – Text in der Ich-Form – sprachliche Umsetzung eines eigenen Erlebnisses

(Kurs «Über Menschen schreiben»; Schule für Angewandte Linguistik Zürich)

Wir haben in der letzten Sitzung versucht, einen witzigen Text zu schreiben: eine Episode, ein Erlebnis, eine Wahrnehmung – in Anlehnung an den Text von Küng (Schuhkauf).
Wie können wir auf Befehl einen witzigen, humorvollen Text schreiben? Ist das überhaupt möglich? Welches ist das Vorgehen? Anmerkungen zur letzten Übung.

Ich entscheide mich für eine Episode. Haben ich überhaupt etwas zu erzählen? Gibt es ein komisches Moment? Ist die Geschichte wirklich witzig? Was macht den Witz aus? Die Pointe? Die Art des Erzählens?

Wenn ich mich für eine Episode entschieden habe, dann lasse ich mich erzählend darauf ein. Das braucht Zeit. Ich beginne vielleicht mit Unsicherheit, Widerstand, Zweifel. Plötzlich aber bin ich im Text und erlebe die Episode nochmals schreibend – bzw. erfinde sie neu.

Ich lasse mich von der Eigendynamik des Erzählens tragen. Überraschungen gehören zum Handwerk. Oftmals entwickelt sich eine Pointe aus dem Schreiben heraus.

Ich überarbeite meinen Text, das habe ich immer im Sinn. Deshalb: zuerst einmal schreiben, eintauchen ins Erzählen.

Ich erzähle in grossen Linien, komme schnell auf den Punkt, verliere mich nicht in Details, die die Geschichte verlangsamen. Ich schreite im Erzählen schnell voran, fasse Erfahrungen zusammen.

Ich durchlebe eine Situation schreibend noch einmal. Ich tauche ein, bin eins mit den Wahrnehmungen, mental und emotional nahe am Geschehen. Nur so ist der Text glaubwürdig.

Ich habe einen Leser, eine Leserin vor Augen. Adressatengerechtes Schreiben motiviert. Ich finde dank Publikum die treffenden Worte.

Witz, Humor, Pointe lassen sich nicht erzwingen. Sie stellen sich durch das Schreiben erst ein. Nicht immer gelingt das.

Sich blossstellen und Selbstironie. Ich nehme mich nicht allzu ernst, schreibe selbstironisch, mit Augenzwinkern und stelle mich möglicherweise bloss. Das Ich im Text ist eine Erzähler-Figur. Diese Haltung erleichtert das Schreiben, schafft Distanz und Freiheiten.

Ein Kontrahent/Antagonist ist hilfreich. Im Kampf bin ich Held und Versager. Durch ein Gegenüber profiliere ich mich – als Künstler, Versager, Held, Abenteurer. Das Lächerliche lasse ich zu.

Ich überzeichne. Schreiben schärft die Wahrnehmung. Was ich sehe, höre, rieche beschreibe ich deutlich, mit klaren Strichen. Ich schildere, falls sinnvoll, drastisch. Ich arbeite aber auch mit Understatement, Bescheidenheit. Ich spiele mit Wahrnehmungen, Haltungen und der Sprache. Das heisst, ich löse mich von dem, was sich in Wirklichkeit ereignet hat, was ich wahrgenommen habe und schaffe durch das Schreiben eine eigene Wirklichkeit. Nochmals: Der Text entwickelt eine Eigendynamik, die Sprache bestimmt die Erzählung.

Wenn ich drastisch schildere, bin ich achtsam. Bilder, Metaphern, Vergleiche kippen gerne ins allzu Kitschige, Melodramatische. Drastisches Erzählen ist eine Gratwanderung. Wann ist es lustig? Wann nur lächerlich? Die Lektüre aus Distanz hilft. Es gilt auf jeden Fall: Einfälle nicht voreilig verwerfen.

Meine Stimmung entscheidet über den Text. Ich kann kolumnistische Texte schreiben, wenn ich in Stimmung bin. Was ich einmal amüsant finde, empfinde ich ein andermal als bemühend. Ich kann mich möglicherweise in eine Stimmung schreiben. Dieser Möglichkeit gebe ich zumindest eine Chance.

Zum Urteil über den eigenen Text. Ich kann mich in der Regel darauf verlassen, wie sich das Schreiben anfühlt. Ich merke genau, ob ich nahe an dem bin, was ich will. Wenn ich die angestrebte Erzählweise treffe, mich den Momenten des Gelingens und Scheiterns des Ich-Erzählers nähere, dann fühlt sich das gut an. Umgekehrt nehme ich während des Verfassens genau wahr, ob ich daneben liege, lächerlich bin. Dieser erste Eindruck befreit nicht von der Lektüre aus Distanz und dem Gegenlesen durch andere.

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