Wenn wir eigene Erfahrungen/Erlebnisse/Gedanken niederschreiben, haben wir grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Erstens: Wir sind nahe am Geschehen, wir bilden es sprachlich ab, wir schreiben es nieder, so wie wir es erlebt oder gedacht haben. Dies sind die «normalen», herkömmlichen Tagebucheinträge. Solches Schreiben hilft uns, Klarheit über eine Sache zu gewinnen, Erlebtes zu strukturieren, es uns nochmals zu vergegenwärtigen. Es hilft uns auch, «etwas herauszufinden». Was hat sich bei einer Begegnung ereignet? Zum Beispiel: Es kann sein, dass ich nach einem Gespräch ein seltsames Gefühl habe, dass ich im Nachhinein merke, dass etwas schiefgelaufen ist. Aber ich weiss nicht, was? Vielleicht habe ich Sätze meines Gegenübers nicht wirklich wahrgenommen, habe nicht gemerkt, dass mir der andere «etwas untergejubelt» hat. Er sagt einen Satz, ich nehme den Satz auf, hinterfrage nicht, was er impliziert, und unterlasse es folglich zu widersprechen. Ich nehme den Satz bzw. die Unterstellung, die mit dem Satz einhergeht, als gegeben, und schon bin ich in der Falle. Möglicherweise klingt ein schales Gefühl nach, aber ich weiss nicht, woher es rührt. Im schnellen Gespräch ist das leicht der Fall.

Wenn ich nun schreibend darüber nachdenke, dann rekonstruiere ich das Gespräch. Ich schreibe darüber und über die damit verbundenen Gefühle. Ich nähere mich dem, was abgelaufen ist. Das kann eine Weile dauern. Ich umkreise die Sachverhalte, bis ich es habe, bis ich es auf den Punkt bringe: was gesagt wurde, was welche Reaktionen ausgelöst hat. Ich gehe den Dingen schreibend nach und verstehe. Das schale Gefühl schwindet. Dies ist eine wohl häufige Funktion des Tagebuchschreibens: klären und verstehen.

Zweitens: Ich nehme das Erlebte – ein Gespräch, ein Ereignis, eine Begebenheit – als Ausgangspunkt für einen freieren, halb assoziativen Text. Was heisst das: halb assoziativ? Ich beschreibe eine Situation, die ich erlebt habe, aber beschreibe sie nun viel freier. Vielleicht ist das Ausgangsmaterial auch nur ein Gefühl, ein Bild oder eine kurze Szene. Nun schreibe ich beispielsweise mit einer Figur (dritte Person, Ich-Figur, Tempus: Präsens oder Präteritum) die Begebenheit neu. Wie gesagt, das Gefühl, die Begebenheit ist nur Ausgangspunkt – sie lancieren meinen Text. Ich schreibe nicht, was war, sondern was mir in den Sinn kommt. Hier ist es wichtig, dass ich mich dem ersten Einfall anvertraue und relativ zügig schreibe. Der Text wird mich überraschen, führt mich irgendwohin. Das kann eine kurze Erzählung geben, eine längere Szene, Gedankensplitter, oftmals ein Text, der in seiner Unberechenbarkeit einem Traum gleicht.

Im Gegensatz zur ersten Art des Schreibens (klären, verstehen), entsteht hier etwas ganz Neues. Ich habe etwas geschaffen, das nicht abbildet, sondern «es» in gewisser Weise «reflektiert», genauer: ein Bild schafft. Diese zweite Art des Schreibens, das Kreieren von etwas Neuem, eignet sich dann, wenn sich Gefühle, Sachverhalte, Begebenheiten dem Verstehen entziehen. Ich schreibe und habe doch keine Chance, weil ich der Sache nicht näherkomme. Sie verflüchtigt sich gleichsam. Ich will es (was?) packen, aber es ist schon weg. Wenn ich nun durch diese zweite Art des Schreibens mich mit dem Gegenstand auseinandersetze, dann akzeptiere ich das Unfassbare, das Nicht-Verstehbare, die Widersprüche oder das Paradoxe. Durch das Bild oder die Geschichte, das/die ich schaffe, verstehe ich auch – einfach in ganz anderer Weise: durch gestalten.

Nun, wie macht man das? Die erste Art ist einfach: scheiben, was ist. Und die zweite Art? Da ist man gerne blockiert (ich weiss nicht, was schreiben). Helfen kann: Ich setze eine Figur ein. Ich lasse die Figur reisen, jemand anders begegnen, in einem Café sitzen, an einem Fussballstadion vorbeigehen, in ein Flugzeug steigen. Oder ich lasse die Figur am Bahnhof warten. Die Figur hat einen Namen, und es kann eine Frau oder ein Mann sein.

Ich habe vor kurzem eine Skizze für ein Konzept einer Zeitschrift verfasst, erste Ideen gesammelt. Da habe ich gesehen, wie wichtig zwei Dinge sind. Erstens: die gute Zeit, meint: Nicht immer sind wir in Laune, einen Text zu verfassen. Bei mir läufts morgens um acht oder gegen sechszehn Uhr besonders gut. Und auch zu anderen Zeiten, je nachdem, was ich vorher gemacht habe. Nun ist es so, dass ich die gute Zeit auch nutzen muss. Das braucht ein wenig Überwindung. Ich ertappe mich immer wieder, wie ich anderes machen will, zuerst die Mails beantworte, zwei Telefonate erledige undsoweiter. Sich aufs Schreiben einzulassen, braucht immer ein wenig Überwindung und die bewusste Entscheidung: So, nun setz ich mich vor die Kiste und schreib. Das bedingt auch, dass ich bereit bin, mich für eine halbe Stunde oder mehr von anderen Dingen zu verabschieden, mich in Konzentration begebe.

Zweitens: Das Fliessen. Es ist erstaunlich, wie schnell ein Text ensteht und sich Ideen ergeben, wenn ich es fliessen lasse, wenn ich nicht abwäge und hierarchisiere, sondern die Konzept-Ideen ungeordnet niederschreibe. Die eine Idee führt zur nächsten. Bisweilen sind die Aufzählungen und Sätze etwas ungeordnet, aber das macht nichts. Ich nutze den Fluss, ordnen kann ich später, beim Überarbeiten.

Ich unterhalte mich immer wieder mit Menschen übers Schreiben. Viele sagen: «Ich kann nicht einfach drauflos schreiben, ich muss zuerst denken, dann erst schreibe ich.» Diese Haltung muss man akzeptieren. Und doch: Ich finde es schade, wenn wir zulange nur nachdenken und nichts aufschreiben, denn die guten Ideen, die wir durchs Nachdenken schaffen, die vergessen wir nämlich gleich wieder, wenn wir sie nicht festhalten, und das ist schade. Kommt hinzu, dass wir durch das Schreiben das Denken stimulieren.

Das heisst nun nicht, dass wir auf unsere Nachdenk-Spaziergänge verzichten und immer nur das Schreiben im Sinn haben. Eine Stunde durch eine schöne Landschaft gehen und nachdenken, zum Beispiel über ein Konzept sinnieren, das ist gut, denn Bewegung und Weitsicht ist dem Denken nützlich. Dann können wir uns danach immer noch hinsetzen und schreiben. Das eine (denken und schreiben gleichzeitig) schliesst das andere (Spaziergang, dann schreiben) nicht aus.

Eigentlich erstaunlich. So viele Menschen setzen sich hin und schreiben. Weshalb nur? Was bringt das Schreiben? Was bewirkt es? Da ist einmal das sinnliche Moment, wenn ich mit der Füllfeder übers Blatt fahre, Wort an Wort und Satz an Satz reihe. Wenn ich mit dem Computer schreibe, das unmittelbare Entstehen von Sätzen; Buchstaben, die sich vor mir aufreihen, zu Wörtern und Sätzen werden. In beiden Fällen handelt es sich um etwas Fliessendes. Ich bringe durch Schreiben etwas in Bewegung. Offenbar auch im Kopf. Wenn ich schreibe, dann stellen sich die Gedanken wie automatisch ein, etwas ist im Entstehen begriffen. Dieses Dynamische, die Bewegung und das Entstehen von Neuem empfinden wir als angenehm. Es entspricht dem, was das Gehirn offenbar braucht: einen Input, um selber in einen Zustand der Dynamik zu gelangen.

Durch Schreiben beeinflussen wir unsere Wahrnehmung: wir nehmen genauer wahr. Unsere Sinne sind geschärft. Wenn ich erzähle, was ich erlebt habe, dann verknüpfe ich die sinnlichen Wahrnehmungen mit Sprache. Offenbar hilft mir dies, Ereignisse zu verstehen, mir sie nochmals zu vergegenwärtigen. Wir schaffen durch das Schreiben/Erzählen eine Struktur, wir ordnen die Ereignisse. Man spricht hier auch von verarbeiten. Viele Menschen schreiben Tagebuch, bei Schriftstellern ist es selbstverständlich. Als wärs ein Grundbedürfnis aufzuschreiben, was ist - zu ordnen, zu verarbeiten, sich zu vergewissern, zu klären, festzuhalten.

Ich schreibe, also bin ich, könnte man sagen. Dieses Strukturieren und Ordnen, das Verstehen ist das eine. Das andere: Offenbar ist es für viele ebenfalls ein Grundbedürfnis, etwas zu schaffen. Wir zeichnen, malen, basteln, bauen ein Haus, erfinden kluge Technik, schaffen eine Skulptur, spielen Theater oder eben: wir schreiben. Wir schaffen ein Ding, das ausserhalb von uns liegt. Was in uns ist, findet Ausdruck. Was steckt hinter diesem Bedürfnis? Ist es ebenfalls das Verstehen? Geht es einfach darum, es festzuhalten, damit uns der Augenblick nicht entschwindet, damit wir ihn betrachten können? Oder werden wir uns uns bewusst, indem wir etwas schaffen? Ich schreibe, also bin ich.

Wenn wir uns erinnern und autobiografisch schreiben, dann durchleben wir eine Zeit und Ereignisse nochmals. Als wollten wir diese Zeit festhalten, sie nicht verlieren. Darum geht es, glaube ich, in der «Suche nach der verlorenen Zeit». Nun wissen wir, dass Erinnerungen sich laufend verändern. Je weiter sie zurückliegen, desto ungenauer sind sie. Das hat, fürs Schreiben, einen Vorteil, wenn wir ihn nutzen. Wir gestalten unsere Erinnerung. Wir konstruieren im Erzählen unsere erlebte Welt neu. Das vermittelt uns den Eindruck von Freiheit. Ich bin nicht nur Schauspieler in meinem Leben, der eine vorgegebene Rolle spielt, sondern auch Autor oder Regisseur. Und hier wirds spannend: Wenn wir beim autobiografischen Schreiben unsere Erinnerungen bewusst gestalten, sie verändern, ihnen eine Struktur verleihen. Als könnten wir sie besser «ad acta» legen, wenn wir sie mit eigener Struktur niederschreiben. Wir erfinden uns sozusagen neu.

Ich kann beim Aufschreiben von Ereignissen ganz nahe bei meiner Wahrnehmung sein - einmal abgesehen davon, wie unterschiedlich diese Wahrnehmung je nach Befindlichkeit ist. Ich kann aber auch bewusst mit meinen Erinnerungen, Erfahrungen und Wahrnehmungen spielen. Ich kann mir dieses Spiel erleichtern, indem ich mit Figuren arbeite, im Präsens oder in der Vergangenheit erzähle. Das alles gibt Distanz und Gestaltungsfreiheit. Wenn ich nicht über mich schreibe, sondern über eine Figur, dann bin ich freier. Wenn ich auch das «Erzähler-Ich» als eine solche Figur erlebe, dann bin ich auch beim Schreiben in der Ich-Form frei.

Nochmals: es geht ums Verstehen, ums erneute Durchleben und um das Gestalten. Und um den Eindruck des Fliessens, der sich beim Schreiben einstellt. Dies sind wohl Gründe, weshalb wir schreiben.

Es gibt viele Gründe, weshalb ich schreibe. Einer ist: Ich komme zur Ruhe. Wenn ich tausend Dinge tue, vielem nachrenne, zuviel will und alles gleichzeitig, durch die Welten zappe, bis es flimmert und ich dann doch nichts Rechtes zustande bringe, dann ist schreiben ein gutes Mittel - um eben zur Ruhe zu kommen. Wer schreibt, ist konzentriert, fokussiert eine Sache und erzählt eines nach dem anderen. Schreiben heisst linearisieren. Man bringt die Gedanken auf eine Linie. Was wolkig, diffus in einem ist, wird mit Sätzen zu Papier gebracht - und eben eines nach dem anderen. Ich bin konzentriert, bin ganz bei der einen Sache, bei dem einen Gedanken, nicht mehr abgelenkt, und das vermittelt ein gutes Gefühl. Mit der Sache eins sein, darum geht es, man kann es eine Art Flow nennen. Natürlich funktioniert das nicht nur mit dem Schreiben. Andere töpfern, malen, spielen Musik oder was auch immer. Die Wirkung ist die gleiche.

Was schreiben? Es spielt keine Rolle. Naheliegend ist, was einen beschäftigt. Tagebuch also. Oder eine Beobachtung niederschreiben, erzählen, was man erlebt hat, eine Begegnung beschreiben oder ganz einfach: wie man sich gerade fühlt. Wichtig ist, dass man beginnt, das Banale nicht fürchtet und sich vom eigenen Schreiben überraschen lässt. Dass man, ist einmal ein Thema gefunden, nahe dran bleibt, in kleinen Schritten erzählt, nahe an der Sache, nahe am Gefühl. Das gelingt nicht immer, die Schere im Kopf machts manchmal schwierig. Das will ich doch nicht sagen, also sag ichs nicht. So hab ichs nicht gemeint. Aber wie denn? Was will ich denn sagen? Weiss nicht. Undsoweiter, keine Zeile geschrieben und enttäuscht. Es ist Übungssache: Oftmals weiss ich nicht, was ich schreiben will, aber ich beginne einfach mit einem ersten Satz. Ich vertraue mich dem Einfall an und schreibe auf, was mir in den Sinn kommt. Nicht, was ich denke, denn da ist oft nichts, sondern ich schreibe einfach und sehe dann, was ich gedacht habe. Kompliziert?

Ich werde in meinem Blog über das Schreiben nachdenken. Schreiben ist spannend und erfüllend. Es bringt einen auf neue Ideen, schärft die Wahrnehmung und das Denken, klärt, lenkt ab, enthüllt und verbirgt. Durch das Schreiben tauche ich in andere Welten ein, es ist ein wenig wie im Kino oder beim Träumen. Ich entwickle Geschichten und auch wirres Zeugs, das Schreiben ist immer für eine Überraschung gut. Das Schöne: ich weiss nicht, was da kommt. Schreiben ist eine Wundertüte, wenn es gut läuft.

Dafür muss man etwas tun: nämlich schreiben. Es genügt nicht, es sich vorzunehmen. Wir haben immer Ausreden, weshalb wir nicht schreiben - obwohl wir es eigentlich gerne tun würden. Etwas hindert einen, und man weiss nicht genau, was es ist. Wer schreibt, regelmässig schreibt, macht die Erfahrung, dass er sich auf einen Prozess einlässt, dass sich die Themen entwickeln und sich oftmals Zufriedenheit einstellt. Insofern ist Schreiben gesund. Ich jedenfalls fühle mich (meist) gut, nachdem ich geschrieben habe.

Kleiner Tipp fürs regelmässige Schreiben: ein Ritual pflegen, Notizblock und Füllfeder dabei haben und jeweils zur gleichen Zeit schreiben. 15 Minuten genügen. Ich schreibe regelmässig im Zug.